Schatz im Schutt

Drei Türme ragen aus Dachlandschaft von Gent. Jene der St.-Nikolaus-Kirche, der St.-Bavo-Kathedrale und des Belfrieds. Seit kurzem ragt auch der Anbau des Design Museum Gent über die roten Dächer der Hauptstadt Ostflanderns. Als weithin sichtbares Zeugnis dafür, dass moderne Architektur und historische Altstädte nicht in Widerspruch zueinander stehen müssen.

Was freilich den Anbau über seine architektonische Qualität hinaus auszeichnet, ist, dass er großteils aus recycelten Baumaterial besteht. Mehr als 82.000 der weißen Ziegel für die Fassade stammen aus lokalem Bauschutt. Von Februar bis Juli 2024 wurden auf dem Gelände einer alten Fabrik, nur fünf Kilometer von der Baustelle entfernt, aus aufbereitetem Altmaterial täglich mehr als 1.000 Ziegel gewonnen. Wobei sie nicht gebrannt, sondern hydraulisch gepresst wurden – um die CO2-Emissionen zu reduzieren.

Als Produzent trat BC Materials auf, die sich im Bauwesen der Circular Economy verschrieben haben. Ganz konkret eben jener von Baumaterial. „Durch die Neugestaltung traditioneller Fertigungsprozesse befasst sich das Projekt mit komplexen Fragestellungen rund um die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen, darunter die Machbarkeit einer lokal orientierten Bauweise, die Verfügbarkeit lokaler Ressourcen und die Erprobung von Recyclingmaterialien“, so BC Materials. Alte Materialen wieder zu nutzen, das ist nichts Neues. Über die Jahrhunderte war das aus purer ökonomischer Notwendigkeit Usus in Europa. Kreislaufwirtschaft hat, zumal im Bereich des Bauens, Tradition.

Ihre Renaissance wird seit Jahren propagiert. Es mangelt indes an der Umsetzung. Insofern ist der Genter Anbau als Best Practice zu verstehen.

In Wien geht man indes etwas andere Wege. Um von der Diskussion endlich in die großflächige Umsetzung zu kommen, hat der Baukonzern STRABAG bei der TU Wien die Studie kreislaufwirtschaft:bauen beauftragt. Das Ergebnis? Eine Beschreibung großer Potenziale.

Jährlich werden in Österreich rund 77 Millionen Tonnen Baustoffe in Gebäuden und Infrastruktur verbaut, im selben Zeitraum fallen 49 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Von diesen werden 78 Prozent stofflich wiederverwertet. Das ist, so Helmut Rechberger, Professor für Abfallwirtschaft und Ressourcenmanagement an der TU Wien, ein guter Wert. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass es sich dabei zu einem Großteil um Downcycling nicht um Recycling handelt. Noch größer ist das Missverhältnis beim Bodenaushub, von dem zwischen 55 und 65 Prozent deponiert und damit nicht wiederverwertet werden. „Rein technisch“, so Rechberger, „wären bis zu 90 Prozent davon verwertbar.“ Die aktuelle Rate liegt bei 21 Prozent. Und auch in diesem Fall handelt es sich wiederum in erster Linie um Down- und nicht um Recycling. Das bedeutet, dass das Potenzial der Materialien bei weitem nicht ausgeschöpft wird.

Re-Use, die Wiederverwertung ganzer Bauteile wie Türen, Böden oder Fenster, findet in Österreich nicht einmal statistische Betrachtung. Iva Kovacic, Professorin für integrale Planung an der TU Wien, musste daher auf Experteninterviews zurückgreifen. Sie stellt ebenfalls signifikantes Potenzial fest: „In einem Beispielprojekt aus der Schweiz konnten durch den Einsatz von Re-Use-Bauteilen 91 Prozent der Treibhausgasemissionen der Stahlträger vermieden werden. Ganz generell liegt einer der größten Hebel für die Reduktion von CO2-Emissionen und Ressourcenverbrauch in der Wiederverwertung tragender Bauteile.“

Als wirtschaftlich sofort umsetzbare Maßnahmen benennt die Studie etwa die Wiederverwendung von Brandschutztüren, Stahlträgern und -profilen, Eichen-Stabparkett, Aluminium-Fassadenpaneelen, Leuchten, Lampen und – Stühlen. Maßnahmen, die sich auch wirtschaftlich unmittelbar positiv auf die Kosten auswirken können. Wiedergenutzte Stahlträger sind durchschnittlich 20 Prozent günstiger als neue. Im Grunde genommen.

Die Crux liegt, ausgerechnet, in der Regulierung. Partout im Bereich Recycling und Re-Use fehlt es an einheitlichen Prüf- und Zertifizierungsprozessen. Sprich, um einen Stahlträger wiederzuverwerten, muss ein aufwändiger Qualitätsnachweis erbracht werden. Wodurch der Kostenvorteil sich flugs in einen handfesten Kostennachteil verwandelt. Und anstelle eines alten erst recht ein neuer Stahlträger eingesetzt wird.

Es fehlt zudem, stellt die Studie fest, an einem österreich- oder gar europaweiten zentralen Register für Re-Use-Bauteile. Wohl existieren einzelne Bauteilbörsen, allein, sie sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Eine gemeinsames System hätte den Vorteil, in digitale Planungstools integriert werden zu können – um von vornherein die Zirkularität einfacher zu gestalten.

Hürden, wohin man blickt. Jede einzelne verursacht Kosten. Und macht den Einsatz von recycelten oder Re-Use-Materialien teurer. Selbst wenn ihr Einsatz sich über den Lebenszyklus hinweg mehr als rechnet. Was also tun?

Neben einheitlichen Prüfprozessen und einem zentralen Register kann die öffentliche Hand als Bauherr vorangehen, sagen Kovacic und Rechberger. Unterstützung erfährt diese Position durch Stefan Kratochwill, CEO der STRABAG, der auf ein Projekt in Hamburg verweist, bei dem die Stadt dezidierte Vorgaben für aufbereitete Altmaterialien festschrieb. Eine Variante sei es, auf kostspielige Vorgaben zu verzichten, wenn beim Neubau recycelte Baustoffe zum Einsatz kommen. Entsprechende Beispiele gebe es aus Wien, ergänzt Iva Kovacic.

Was immer an Maßnahmen gesetzt wird, Ziel muss es sein, Recycling sowie Verwendung zu skalieren und den stetig anwachsenden, indes ungehobenen Ressourcenschatz im Schutt zu heben. „Über Jahrzehnte hinweg ist ein großes Lager an Baumaterialien in Siedlungen und Infrastrukturen entstanden“, so Helmut Rechberger. „Für eine künftige Kreislaufnutzung bedarf es neuer, moderner Recyclingmethoden, besserer Daten zur Materialzusammensetzung sowie verbesserter Rahmenbedingungen.“ Stefan Kratochwill ergänzt: „Mit der TU Wien haben wir jetzt eine belastbare Grundlage geschaffen, um notwendige Standards weiterzuentwickeln, regulatorische Rahmenbedingungen anzupassen und den Wandel hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft im Bauwesen zu beschleunigen“.

Fehlen nur noch weithin sichtbare Leuchttürme wie der Anbau in Gent.

Post Scriptum: Wiederverwertung war im 15./16. Jahrhundert beim Neubau der Kathedrale von Gent Usus. Wobei selbst menschliche Überreste zum zum Einsatz kamen. 2020 entdeckten Archäologen bei Grabungen in Sankt Bavo ganze Mauern aus Schienbeinen.

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