DER BLINDE FLECK
Die Suwalki-Lücke? Ein gängiger Begriff in Europa, wo man um die Szenarien eines russischen Angriffs auf die baltischen Staaten weiß. So, wie die Europäer um die geostrategische Bedeutung der Arktis von Grönland über Spitzbergen bis Nordnorwegen wissen. Um nun auch in diesem Raum ihre Kräfte zu bündeln. Nicht nur in Hinblick auf Russland.
Europa, so scheint es, kennt seine geostrategischen Schwachpunkte und handelt entsprechend.
Doch Europa ignoriert gleichzeitig seine Achillesferse. Den Westbalkan.
Keine Region Europas eignet sich besser, einen hybriden Krieg anzustoßen, Unruhe zu stiften und Europa zu destablisieren. Oder um zum Sprungbrett jener Mächte zu werden, die an einem starken und geeinten Europa kein Interesse haben. Ein Raum, der in den letzten Jahrzehnten sich zu einem Warteraum gewandelt hat, dessen Staaten die Perspektive, Mitglieder der EU zu werden, eröffnet wurde und die seither wieder und wieder vertröstet werden.
Zum Beispiel Montenegro. Jenes Land, das am Westbalkan die größten Fortschritte in Richtung EU-Integration erzielt hat, das im Grunde genommen schon aufgenommen werden kann. Wenn denn alle Mitglieder dafür wären.
Was sie nicht sind. Frankreich steht der Erweiterung ablehnend gegenüber. Neue Mitglieder der Union brauchen die Zustimmung einer Dreifünftelmehrheit der französischen Nationalversammlung oder ein positives Plebiszit. Das Ziel der montenegrinischen Regierung, 2028 das 28, Mitglied der Union zu werden, scheint angesichts dieser Hürden schwer erreichbar. Den Regierungen in Bejing, Moskau und Washington kommt das gelegen. Der Westbalkan ist ihre Spielwiese in Europa.
Im Grunde muss Brüssel alles daran setzen, diese Region so rasch als möglich an die Union heranzuführen und zu integrieren. Dass das nicht einfach ist, liegt auf der Hand. Seit dem Abkommen von Dayton 1995 herrschen in Bosnien-Herezgowina ein kalter Friede und ein Wirrwarr konkurrierender Institutionen. Ein funktionsfähiger Staat ist Bosnien noch lange nicht. Und Europa? Hat sich mit dem Status quo arrangiert. So, wie mit dem Status quo in Kosovo. So, wie mit der Blockade Nordmazedoniens durch Bulgarien. Oder mit der Schaukelpolitik Serbiens.
Die Themen des Westbalkan lesen sich wie eine Liste der Versäumnisse, die Europa endlich angehen muss, der es sich aber verweigert. Weil es anstrengend ist und mühsam. Weil Politik am Balkan ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz verlangt, an der Bereitschaft, in Grautönen zu denken. Auch, weil hier europäischen Gewissheiten auf die Probe gestellt werden.
Dabei sind Serbien, Bosnien, Montenegro und Mazedonien sowie selbstverständlich Kosovo und Albanien alle Mühen wert. Sie sind europäisches Herzland. Ein Wirtschaftsraum, der – einmal in Schwung – Wachstumsimpulse weit über die Region hinaus setzen kann. Ein Raum des Austauschs von Wissen und Kultur. Und: Eine sicherheitspolitische Notwendigkeit für Europa.
Brüssel, vor allem aber Wien, täten gut daran, Initiativen zu setzen, die echte Perspektiven bieten. Was im Überschwang der Begeisterung für Kanada möglich ist, muss für europäische Länder genauso machbar sein: Die Einbeziehung in und die aktive Teilhabe an europäischen Programmen. Eine Zukunft innerhalb der Union. Auch so geht Sicherheitspolitik.

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